
Geruhsamer Sonntag. Der Transmontan-Wind treibt sein Unwesen und ich bleibe heute lieber vor dem Kamin sitzen als den Radieschen beim Wachsen zuzusehen.
Die letzten Tage konnte ich mich gar nicht sattsehen an den blühenden Knospen, den aufkeimenden Sonnenblumenkernen und inspizierte jede Erdritze ungeduldig danach, ob die ausgesäten Blumenkörner Blätter sprießen lassen.
An einem andern Sonntag überraschte mich um 9h, als ich nichtsahnend und noch schlaftrunken meinen Kaffee trinken wollte, ein toter gerupfter Hahn in der Küche. Ein Freund, der sich einen Kleintierzoo hält, hatte ihn uns vorbeigebracht, nachdem er ihn um 4h in der Früh für immer mit seiner Schrotflinte zum Verstummen gebracht hatte. Denn der Hahn hatte ihm den Schlaf geraubt. Durch unermüdliches leidenschaftliches Krähen in unerhörter Frequenz. Er - der Hahn - hatte seine Aufgabe wahrlich sehr ernst genommen.
Dieser Freund brachte es aber nicht übers Herz, den Hahn auch zuzubereiten. Das überließ er uns, und wir verspeisten den Hahn noch am selben Abend, nicht ohne den Freund samt seiner Freundin zum Essen einzuladen, was sie prompt annahmen.
Der Hahn kräht also nicht mehr. Nicht, dass ich ihn je gehört hätte, denn er lebte und wirkte außerhalb des Dorfes. Nur ein junger Mann in der Blüte seiner Pubertät stört des Dorfes sonntägliche Ruhe, wenn er mit seinem "getunten" Moped (oder fehlt da eine Schraube?) vorbeifährt, was ebenfalls nicht unoriginelle Mordfantasien bei einigen der Dorfbewohner zur Folge hat. Welche jedoch Gott sei Dank (noch) nicht umgesetzt wurden.
Apropos Pubertät. Ich hatte letztens gemeinsam mit einer Schauspielerin, einer Sängerin und einem Gitarristen einen Auftritt vor ca. 150 Schülern zwischen 13 und 15 in der Schule der benachbarten Stadt, mit Gedichten von Baudelaire, Prevert, Rimbaud, Dickinson u.v.a.. Unter dem Titel "Wer bin ich?"
Wissend, dass diese Altersgruppe ein schwieriges Publikum (wenn nicht das schwierigste!) ist, spickten wir unser Programm mit musikalischen Einwürfen wie "Purple Haze" von Jimi Hendrix, Wordraps, bei denen sie aufgefordert waren, mitzumachen und Tanzeinlagen. Und die Gedichte, die ja keine leichte Kost waren, fanden Anklang. Ich erinnerte mich, dass dies das Alter war, in dem ich selbst begonnen hatte, Gedichte zu schreiben, die ich heute lieber nicht mehr lesen möchte, aber die mir wohl geholfen haben, Ordnung in meine wirren Gedanken zu bringen und mir auf der Suche nach mir selbst weitergeholfen haben. Man muss ja deswegen kein Schriftsteller oder Poet fürs Leben werden...Die Schriftstellerin Colette gab einer jungen angehenden Schriftstellerin, die sie um Rat ersuchte, folgenden Satz fürs Leben mit: "Wenn Sie sich bestätigen können, dass die Arbeit von heute der von gestern gleicht, dann haben Sie es geschafft. Denn ich bin überzeugt, Talent ist nichts anderes als die Fähigkeit, sich von einem Tag zum anderen treu zu bleiben, was auch immer sonst geschieht."
So schließe ich für heute mit diesem Satz, in der Hoffnung, noch einiges mehr von mir selbst zu verstehen, um mir auch treu sein zu können. ;-)